7. Tourstadt Vogtareuth

06.10.2026 – Vogtareuth

Schon ganz früh geht‘s für den Großteil der Münchner Crew, Patrizia, Melissa und mich, über komplett vernebelte Landstraßen raus gen Osten, noch hinter Rosenheim. Die Strecke kenne ich tatsächlich schon ein bisschen, denn vor knapp zwei Jahren fuhr ein Freund mich dahin. Das Ziel ist der siebte Tourort, die Schön Klinik Vogtareuth.

Dort, wo ich einst lag, um eine der nervigsten Untersuchungen meines Lebens zu machen, kehre ich heute mit dem Team zurück, um Musik und Leichtigkeit mitzubringen. Das ist tatsächlich ein ziemlich aufregender Full-Circle-Moment.

Wenn mich wer fragt, was man braucht, wenn man stationär in einer Klinik liegt, dann antworte ich immer mit: Musik, Bücher und Normalität. Wie gut, dass wir als Team des Kinderklinikkonzerte e.V. alles drei im Gepäck haben.

Nach dem Crew-Call und einer Runde Radio Taiso, oder auch sportliches Aufwärmprogramm, geht’s an die Arbeit: Geschenktüten für die unterschiedlichen Altersspannen packen, Catering herrichten, Social-Media-Content und in Klinikmeetings den Ablauf des Tages planen.

Die Klinik ist, obwohl sie eine klassische Zuweiser-Klinik ist, riesig. Sie hat u.a. Epileptologie, Neuropädiatrie und Kinderorthopädie als Schwerpunkt. Ähnlich wie in Garmisch-Partenkirchen gestern kommen die Familien, die ich kennenlernen darf, von weit her, um schwierige OPs und komplexe Behandlungen durchzuführen. Im Unterschied zu Garmisch sind hier aber viele Kinder, die schon im jungen Alter mit (Mehrfach-) Behinderungen leben, kaum kommunizieren können und zum Beispiel auf durchgehende Beatmungen angewiesen sind. Wie ich finde, ein perfekter Ort, um ein Kinderklinikkonzert durchzuführen!

Denn viele Patient:innen dort können gerade nicht in die Stadien und Konzertlocations gehen. Ich finde, sie haben trotzdem ein Recht auf Tanzen, Singen, Klatschen, Handpuppen streicheln und neue Musiker:innen kennenlernen. Perfekt, dass wir direkt vier Artists dabeihaben!

Mit Tina Naderer und Christina Stürmer feierten gleich zwei österreichische Künstlerinnen ihre Kinderklinikkonzerte-Premiere, mit Julia Kautz und KUULT gab’s zudem ein fröhliches Wiedersehen. Auf insgesamt sieben Stationen und einigen Zimmern wird entweder sich eng aneinander gekuschelt, wahlweise mit oder ohne Handpuppen getanzt oder geklatscht. Und einfach mal die Sorgen für eine Weile weggeschoben.

Auf der IMC, einer Überwachungs-Station zwischen Intensiv- und Normalstation, lernen meine Katzen-Handpuppe KitCat und ich Lias kennen. Sein S-C-H-U-L-K-I-N-D-Armband verrät mir sein grobes Alter. Wie viele Kinder in diesem Aufenthaltsraum ist Lias über ein Tracheostoma beatmet, kann kaum verbal kommunizieren. Und wie viele Patient:innen hier, ist er schon eine ganze Weile im Krankenhaus. Als ich beginne, ihn mit der Handpuppe zu streicheln, greift er immer wieder danach. Gemeinsam mit dem Pfleger, der ihn begleitet, passe ich auf, dass er dabei seinen Beatmungsschlauch nicht abreißt. Nach dem Konzert gibt’s einen großen Dino und ein Erinnerungsfoto mit den Artists für ihn.

Eine andere Mama erzählt, dass sie mit ihrem Kind noch bis mindestens bis November in der Klinik sind – eine von drei OPs ist gerade mal geschafft. Viel passender könnten die Zeilen von KUULT „ich steh hinter dir, so wie du, hinter mir, niemals allein“ da wohl kaum sein.

Auf der neuropädiatrischen Station müssen die rund 30 Kids richtig geduldig sein, weil uns der Zeitplan, ob der Größe der Stationen, ein bisschen um die Ohren fliegt. Die Künstler:innen danken es ihnen mit einer großen Portion Energie, Mut und Emotionalität. Während das Pflegepersonal von außen durch die Glasscheibe in den Aufenthaltsraum schaut, tanzt die kleine Tabea mit meiner Teamkollegin Helen und ihrem Affen durch den ganzen Raum. Bei Julia Kautz rufen die Kinder begeistert „Ta-ta-ta-Tabularasa“. Als Tina Naderer „Nicht okay, ist okay“ anstimmt, wird es plötzlich leiser im Raum und alle lauschen gespannt.

Die Konzertslots teilen wir immer teamintern auf, sodass jede:r ungefähr die Hälfte mitbekommt. So können wir auch die Wartezeiten auf den Stationen mit den Handpuppen überbrücken und allen Kindern, die dabei sein wollen, die Zeit geben, sich im Aufenthaltsraum der Station zu sammeln.

Das letzte Konzert für mein Team ist vielleicht eines von denen, das mir am meisten in Erinnerung bleiben wird: Mit Blick auf den Sonnenuntergang von der Dachterrasse sind wir im Elternhaus neben dem Klinikum zu Gast. Dort sind Geschwisterkinder und Eltern in eigenen kleinen Appartements untergebracht, wenn die Kinder länger bleiben müssen. Im ersten Stock ist eine große Spiele- und Sofaecke eingerichtet – und genau dort singt Christina Stürmer „Ich kriege nie genug vom Leben“. Genau dort dürfen sich zwei Mädels, sogar Zwillinge, über ein ganz besonderes „Happy Birthday“ freuen.

Viele der Kinder und Eltern kennen wir von den Stationen schon, diesmal sind sie aber in einer deutlich heimeligeren und bunteren Umgebung. Zu sehen, wie die Kids nach ihrem ersten Konzert sich freuen, als wir mit den Handpuppen wieder kommen und sie nochmals die heute gelernten Hooks singen können, war sehr berührend.

Mit den letzten Minuten Sonnenuntergang laufen wir zurück in die Klinik, packen die übrig gebliebenen Geschenktüten in die Flight Cases, räumen unseren Packraum wieder auf und stärken uns mit dem Abendessen, bevor es für mich wieder zurück nach München und für den Rest des Teams im Nightliner weiter nach Karlsruhe geht.

Eure Annika

Fotos: Julia Tiemann

Video: Calvin Müller